Der Begriff Favela kommt aus dem portugiesischen und bedeutet „Armenviertel“, „Slum“ oder „Elendsviertel“. Hiermit werden die besonders in Randlagen der großen Städte Brasiliens liegenden, informellen Siedlungen bezeichnet, bei denen ein großer Teil der Bewohner nicht über legalen Grundbesitz verfügt. In den Favelas lebt man relativ sicher, nur selten gibt es Diebstähle oder Ueberfälle. Gefährlich wird es allerdings, wenn man in den Verdacht geraet, nicht loyal zu den jeweiligen Herrschenden zu halten oder zwischen die Fronten zweier rivalisierender Drogenbanden kommt.
Im Frühjahr 2009 präsentierte das Städtische Institut Pereira Passos einen Bericht, der verdeutlichte, dass die Zahl der Favelas von Rio de Janeiro auf 968 gestiegen sind, im Jahr 2004 waren es noch 750. Dies zeigt deutlich, dass diese Art von Siedlungen weiterhin auf Wachstumskurs und Expansion liegen. Mittlerweile gibt es alleine in Rio de Janeiro über 1.000 Favelas.

Was sind Favels und woher kommt der Name?

Praça Cantão in der Favela Santa MartaDie Favelas sind kein Produkt speziell in oder aus Brasilien. Landbesetzung ist in Südamerika ein probates Mittel, um quasi ohne Einsatz von Geld an Grundbesitz zu kommen. In Argentinien nennen sich die Favelas etwa „Villa“, in anderen Teilen Südamerikas „Pueblo Joven“ oder auch „Invasiones“. Favelas kann man zum Teil auch als Slum bezeichnen, nämlich wenn sie durch den Verfall städtischer Zonen entstehen. So nenne sich verlassene Hochhäuser in Brasilien, Favela vertical. Im historischen Kern Salvadors herrschten bis in die 1990er Jahre slumähnliche Zustände. Die Bezeichnung für die Armenviertel kommt von einer brasilianischen Kletterpflanze, welche den Namen Favela trägt. Ähnlich wie die Kletterpflanze siedeln sich die Armenviertel in Rio De Janeiro an den Bergen an und „klettern diese hoch“.

Beschaffenheit

Die einzelnen Behausungen in den brasilianischen Favelas bestehen am Anfang meist aus auf dem Müll auffindbaren Materialien wie Kartons, Kistenbrettern, Blechkanistern und Palmblättern. Nach und nach bauen ihre Bewohner stabile kleine Häuser. Nach der Invasion einer aus Sicht der Besetzer geeigneten Wohnfläche werden die Hütten von der Stadtverwaltung entweder demoliert oder toleriert und später mit Infrastruktur ausgebaut. Zu Beginn steht aber in der Regel der Versuch einer Räumung durch die Municipios. Gelingt die Räumung nicht, wird die Wasserversorgung, Kies- oder einfache Erdwege und Stromversorgung integriert. Anbindung an Buslinien, Gesundheitsposten, Polizeistationen und Schulen folgen, auch betonierte Straßen, jeweils in Abhängigkeit von der Größe der Favela. Viele Bewohner einer Favela gehen ordentlichen Arbeiten nach und führen ein normales Leben.

KriminalitätPolizei Einheiten durchstreifen die Favela

Eine Favela muss nicht zwingend gefährlich sein, allerdings deutet die Vorgehensweise der Invasion schon auf eher robuste Naturen hinter der Ansiedlung. Die Grundstücksmafia, so werden die Hintermänner von Invasionen gerne genannt, verlangt denn auch Geld von den neuen Anwohnern. Diese sind allerdings geringe Beträge, nicht vergleichbar mit dem Marktwert des so „erworbenen“ Grundstücks.

Die Probleme in den Favelas sind vielfältig, hauptsächlich sind es Armut, soziale Ausgrenzung und Gewalt. Als der kolumbianische Kokainhandel seinen Weg über Brasilien nach Europa gefunden hat, ist die organisierte Kriminalität enorm gestiegen. Mit den Drogen kam das Geld und mit dem Geld die Gier. Dies führte zu einer Aufrüstung mit neuen Waffen in den Favelas. Tödliche Querschüsse von alltäglichen Schießereien waren die Folge. Oft verdienen die Chefs in den Favelas, sozusagen die Buergermeister, viel Geld mit dem Wiederverkauf von Kokain an die wohlhabenden Bürger der Stadt. Somit finanzieren die Reichen der Stadt ihre Favelas mit, etwas zynisch gesehen. Von Anfang 2013 bis Ende 2014 wurden insbesondere Rios Favelas zur Vorbereitung auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 von Polizei und Militär systematisch mit Razzien durchforstet, um die von ihnen ausgehende Drogenkriminalität zu bekämpfen.

Geschichte

Die ersten Favelas entstanden im Zuge des Endes der Sklaverei nach der Lei Áurea im Jahr 1888. Seither haben sie sich ständig ausgebreitet. Der Begriff Favela wurde offiziell erstmals im Zensus des Jahres 1920 verwendet, als 839 Behausungen auf dem Morro da Providência in Rio de Janeiro beschrieben wurden. Seit Entstehung der ersten Favelas schwankte die Politik der brasilianischen Regierung sowie der Kommunalverwaltung zwischen Aussiedlungsbemühungen auf der einen sowie Hilfsangeboten zur Verbesserung der Lebenssituation für die Bewohner auf der anderen Seite. Die Militärdiktaturen in Brasilien 1977 bis 1980 versuchten, durch zum Teil gewaltsame Umsiedlungsprogramme eine Zurückdrängung dieser urbanen Siedlungsräume zu erreichen, was jedoch nicht gelang.

Seit Ende der 1960er Jahre und verstärkt ab März 1980 (Carta da Favela) wird auf die Sanierung der Favelas gesetzt, zunächst mit punktuellen Eingriffen, in neuerer Zeit durch integrative Großprojekte. In Rio de Janeiro wurde im Jahr 1994 das vielbeachtete, großangelegte Programm Favela-Bairro begonnen; die favelas sollen dem Namen nach zu bairros, regulären Stadtvierteln werden. Die Favela Rocinha wurde 1992 offiziell zum bairro erklärt und war 1998 mit etwa 200.000 Bewohnern nicht nur die größte in Brasilien, sondern in ganz Südamerika.

Favela Tours

Favela Tours
Ende der 0er Jahre hatten aus Deutschland stammende Reisespezialisten eine neue Idee für die oft von den an allen Ecken angebotenen  Citytours fast schon gelangweilten Touristen. Geführte Touren in die Favelas bringen dem Touristen das echte Leben in den brasilianischen Favelas, den argentinischen Villas und anderen Invasionen in Südamerika näher. Damit den Touris nichts passiert, werden ausgesuchte Teile der zweifelhaften Regionen besucht, in denen auch die Polizei ihre Posten hat. Bis dato ist laut Herrn Hutner auch noch keinem der meist europäischen und amerikanischen Besucher Schaden zugefügt worden. Mit einem Lächeln erklärt uns Herr Hutner, dass es wohl mehr Delikte am Flughafen von Rio gebe als auf der Favela Tour.

Befriedungen

Sechs Prozent der brasilianischen Bevölkerung leben in Favelas, das sind ungefähr 12 Millionen Menschen. Allein in Rio de Janeiro waren dies 2010 nach Daten der Volkszählung zwei Millionen Menschen. Symbol für diese verbreitete Wohnform in Rio ist die Favela Rocinha. Das brasilianische Statistikamt beziffert die Einwohnerzahl der größten Einzelfavela Brasiliens mit 80.000, was deren Anwohner bezweifeln. Diese sprechen von 200.000 bis 220.000 Einwohnern.

Das dramatischstes Problem ist allerdings der Terror der ständigen Schießereien zwischen Polizei und Drogenhandelnden. Unzählige Male haben die Bewohnerinnen und Bewohner dagegen protestiert, gefolgt von unzähligen Versprechungen seitens der Verwaltung und Politik.

Ende 2008 kündigten die Behörden einen radikalen Wandel der staatlichen Sicherheitspolitik an: mit der Einrichtung sogenannter UPPs „Unidade de Polícia Pacificadora“, den „Einheiten der Befriedungspolizei“, begann ein neuer Ansatz polizeilicher Eingriffe in Favelas. Heute gibt es bereits mehr als 40 dieser Einheiten in 266 Favelas der Stadt. Die UPPs drehten das bis dato herrschende Muster polizeilicher Interventionen – kurze, heftige Razzias mit Schießereien und dutzenden von Toten – um.

Die sogenannte Politik der „Befriedung“ der Favelas besteht im Wesentlichen darin, die Polizei in den Favelas fest zu verankern. An strategisch gelegenen Orten werden in öffentlichen Gebäuden Kommandoposten eingerichtet. Manchmal wird die Symbolik der Machtübernahme durch den Staat dadurch verstärkt, dass die UPPs in Gebäuden unterkommen, die vorher von Drogenhändlern besetzt waren. Dies ermöglicht der Polizei permente Präsenz durch Streifen, bei denen häufig Festnahmen erfolgen.

Die grössten Favelas in Rio de Janeiro im Jahr 2005

Favela Orientierung Ausdehnung Veränderung 2000/2005
Fazenda Coqueiro Westen 1,09 km² +0,02 km²
Nova Cidade Westen 0,93 km² +0,01 km²
Rocinha Süden 0,86 km² +0,01 km²
Morro do Alemão Norden 0,55 km² -0,01 km²
Rio das Pedras Westen 0,53 km² -0,01 km²
Rio Piraquê Westen 0,41 km² +0,18 km²
Favela da Antiga Fazenda Botafogo Norden 0,47 km² +0,01 km²
Vila do Vintém Westen 0,47 km² unverändert

Rocinha ist ein Stadtviertel Rio de Janeiros im südlichen Teil (Zona Sul) der Stadt zwischen den Vierteln São Conrado und Gávea. Das Viertel entwickelte sich aus einer Favela, umfasst aber mittlerweile meist Wohnhäuser mit legalisierten Besitzverhältnissen. Die Sozialstruktur der Einwohner sowie die immer noch überwiegend einfache Ziegelbauweise der Häuser führt dazu, dass die Bezeichnung Favela auch nach der Anerkennung als offizieller Stadtteil Rio de Janeiros verwendet wird. Rocinha erstreckt sich über einen steilen Berghang und überschaut, etwa einen Kilometer vom Strand entfernt, die Stadt. Es leben dort mittlerweile geschätzt zwischen 69.000 (letzte offizielle Erhebung) und 250.000 Menschen (Schätzung der Einwohner).

Immer wieder wird Rocinha als größte Favela Brasiliens oder gar Lateinamerikas bezeichnet. Dem kann entgegengehalten werden, dass allein in Rio mehrere Stadtgebiete existieren, in denen verschiedene Favelas so stark gewachsen sind, dass sie mittlerweile riesige geschlossene „Komplexe“ von Favelas bilden, die von außen nur noch als eine einzige Favela zu erkennen sind. So nehmen etwa die Complexos do Alemão und da Maré im Nordteil Rios bei gleich dichter Bebauung jeweils die doppelte bis dreifache Fläche der Rocinha ein. Letztlich ist die Berühmtheit der Rocinha wohl auf ihre Lage inmitten der wohlhabenden und durch ihre Strände Copacabana und Ipanema weltberühmten Südzone Rios zurückzuführen.

Am 13. November 2011 wurde Rocinha von der Polizei gestürmt. Grund waren Vorbereitungen auf die in Brasilien stattfindende Fußball-Weltmeisterschaft 2014. Die Favela soll in Zukunft dauerhaft von der UPP besetzt werden. Es gab keinerlei Widerstand. Schon Tage vor der Erstürmung wurden die Zugänge zu Rocinha abgeriegelt. Dabei wurde Antônio Francisco Bonfim Lopes, laut Staatsanwaltschaft der „Boss der Bosse“, festgenommen.

Armut

In Brasilien leben von den 203 Millionen gemeldeten Einwohnern im Jahr 2014 25,8 Millionen Bewohner in Armut, im Vergleich zum Jahr 2013 ein Rückgang von 3 Millionen. 8,191 Millionen friste ihr Dasein in extremer Armut, was etwa 4 Prozent der Bevölkerung entspricht. Das entspricht etwa 2 Millionen weniger im Vergleich zum Jahr 2013, wo es noch mehr als 10 Millionen waren. Diese Daten stammen aus der aktuellen Ipeadata, der Statistikdatenbank in Brasilien. Etwa 35% der Einwohner in Rio de Janeiro, die nicht in Favelas hausen, leben unter der Armutsgrenze. Aber weniger als 30% der Einwohner in den Favelas befinden sich unter dieser Grenze. Hier sind nur einige Ausschnitte der Einwohner die unter der Armutsgrenze in den grössten Favels leben:

Rocinha: 22%
Maré: 24%
Jacarezinho: 27%
Complexo do Alemão: 29%

Zum Vergleich nun „normale“ Barrios

Japeri: 39%
Queimados: 31%
Belford Roxo: 30%
Itaboraí y Seropédica: 29%
Duque de Caixas y Guapimirim: 27%

Wie ist das Leben in einer Favela?
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Ein Gedanke zu „Wie ist das Leben in einer Favela?

  • 1. März 2016 um 15:38
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    sehr interessanter Beitrag, wir waren letztes Jahr dort und uns wurde gesagt, dass fast alle Gebäude in Rio’s Favelas mittlerweile aus Backsteinen und Zement bestehen, die Mehrzahl besitzt fließendes Trinkwasser und nahezu alle Strom. Als Problem bleibt die Kanalisation: Abwasser wird in Rocinha über Kanäle einfach zwischen den Häusern bergab geleitet

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